Gemeinsame Erklärung zum Pogromgedenken

09.11.2020

Die letzte Nacht des jüdischen Betsaals wurde zur Schicksalsnacht der Juden

Die Corona-Pandemie bestimmt in diesem Jahr unser alltägliches Leben, dominiert die Nachrichten und lässt gefühlt kaum Raum für ein anderes Thema. Und doch war und ist es uns, den Organisatoren des Pogromgedenkens, wichtig gewesen, dass wir trotz der über Strecken unsicheren Entwicklung des Pandemiegeschehens und der Beschränkungen dennoch konsequent an einem Pogromgedenken in diesem Jahr gearbeitet haben. Doch wenn weite Teile des öffentlichen Lebens zur Kontaktbeschränkung still stehen, wäre es trotz der hohen Bedeutung der erinnerungskulturellen Arbeit ein falsches Signal gewesen, wenn ausgerechnet öffentliche Stellen und Institutionen zu öffentlichen Veranstaltungen aufrufen. Schweren Herzens haben wir deshalb beschlossen, auf die Gedenkveranstaltung zu verzichten. Und dennoch soll die Absage der Veranstaltung keine Absage an das Gedenken darstellen, soll die Erinnerung kein Opfer der Pandemie werden.

Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor große Herausforderungen und obwohl der deutsche Staat und das deutsche Gesundheitssystem gut organisiert und leistungsfähig sind, beobachten wir doch auch vermehrt, dass die lange Phase der Pandemie, die persönlichen Einschränkungen und die Auswirkungen der Pandemie allgemein auch zunehmend von Verächtern der Demokratie für ihre Zwecke missbraucht wird, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreitet oder Ängste geschürt werden. Uns zu besinnen, welche Auswirkungen es haben kann, wenn der Bauch vor dem Kopf entscheidet, wenn Entscheidungen angstgeleitet getroffen werden oder wenn antidemokratische Kräfte es schaffen, bei weiten gesellschaftlichen Teilen den Glauben in den demokratischen Rechtsstaat zu erschüttern, hilft uns auch, in den Tagen der Pandemie an einem Punkt keine Abstriche zu machen: Die Grundwerte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung dürfen bei allen offenen Fragen und jeder berechtigten Kritik nicht verletzt werden.

Wenn wir in diesem Jahr auf den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs zurückblicken, so müssen wir erkennen, dass vor 75 Jahren ein zwölf Jahre andauerndes und von viel zu vielen Deutschen getragenes oder zumindest ertragenes nationalsozialistisches Terrorregime sein Ende fand, das millionenfaches Leid über große Teile der Welt gebracht hat. Der Opfer gibt es unzählige – darunter auch das eigene Volk, doch der millionenfache gezielte und industrialisierte Genozid an den Juden, eingeleitet durch eine vollständige gesellschaftliche und menschliche Ächtung und Entrechtung, ist im Hinblick auf Ausmaß, Opferzahlen und Organisation mit keinem anderen Ereignis vergleichbar.

In jedem Jahr erinnern wir uns zu verschiedenen Anlässen an die Gräueltaten, die jüdischen Mitbürgern widerfahren sind. Wir treffen uns in der Pauritzer Straße – an der Gedenktafel, die den Standort des ehemaligen jüdischen Betsaals dokumentiert, um insbesondere den ehemaligen jüdischen Bewohnern unserer Stadt und unseres Landkreises zu gedenken, die dem Naziterror ausgesetzt waren – die ihn im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Wir verbinden uns in Gedanken mit ihrem Schicksal und dem ihrer Lieben, wir fühlen mit ihnen und wir leiden mit ihnen. Und doch ist diese Gedenkstunde genauso auch ein Blick in die Gegenwart. Mit großer Sorge beobachten wir das Auftreten von Organisationen und Parteien, die in Sprache, Gestik und Auftreten in erschreckender Weise Parallelen zu den Akteuren des nationalsozialistischen Terrorregimes aufweisen. Inzwischen allbekannte Worte der Gegenwart wie „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“ haben ihren geschichtlichen Hintergrund in der Nazi-Zeit. Dass viele Menschen diese – vielleicht sogar unbewusst – jetzt in der Masse skandieren, muss uns alle mit Sorge erfüllen. Besonders muss also diese Gedenkveranstaltung für uns auch eine Stunde der Auseinandersetzung sein – Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft.

Keiner von uns kann das unermessliche Leid der Shoah ungeschehen machen, keiner kann den menschlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Verlust auch nur annähernd ausgleichen. Wir haben aber die Chance, einen ganz wesentlichen Beitrag zu leisten: Wir können den Opfern eine Stimme geben, wir können an sie erinnern und ihnen einen Platz in unserer Mitte zurückgeben. Erinnern wir uns an die schleichende Entrechtung unserer jüdischen Nachbarn ab 1933, behalten wir die in die Emigration getriebenen oder abgeschobenen Bewohner unseres Landkreises in Erinnerung und gedenken wir vor allem der 27 männlichen Juden aus dem Altenburger Land, die im Zuge der Pogromnacht gedemütigt, misshandelt oder verhaftet wurden. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das Leid der Shoah kein bloßer Geschichtsstoff aus fernen Ländern oder zumindest anderen Landesteilen ist – in unserer Stadt wurden Altenburgerinnen und Altenburger unter seelischen und körperlichen Wunden über öffentliche Straßen getrieben – Beistandsbekundungen oder das Aufbegehren gegen das Unrecht blieben die absolute Ausnahme. Zwölf Altenburger, vier Meuselwitzer und ein Gößnitzer kamen am 12. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald und hatten neben Zwangsarbeit stetige Schikane, Gewalt und Entwürdigung zu ertragen.

Wenn man über die Opfer spricht, so beinhaltet das auch die Familienangehörigen, die bei den Verhaftungsmaßnahmen oft selbst seelisch und körperlich misshandelt wurden und dann tage- oder wochenlang im Unklaren blieben, wie es ihren verschleppten Liebsten geht. Nicht zu vergessen sind auch diejenigen, die nicht direkt von den Pogromen betroffen waren, aber dennoch unter der nationalsozialistischen Verfolgung litten, die in Angst in Deutschland lebten oder sich zur Aufgabe ihrer Heimat und einer Flucht genötigt sahen.

Es muss uns sorgenvoll stimmen, dass gerade der Antisemitismus in unserem Land wieder an Stärke zunimmt und sich sogar in tätlicher Gewalt Bahn bricht. Es kann und darf uns nicht egal sein, dass nicht wenige jüdische Nachbarn, die glücklicherweise trotz der Erlebnisse der nationalsozialistischen Verfolgung und der Shoah noch oder wieder eine Heimat in unserem Land gefunden haben, in Angst leben müssen, sich teilweise nicht trauen, sich als Jüdin oder Jude zu offenbaren oder religiöse Symbole oder Kopfbedeckungen in der Öffentlichkeit zu tragen.

Die Politik ist gefordert, sensibel, aber auch mit der nötigen Durchsetzungskraft und Stringenz ihren Beitrag dazu zu leisten, das aufgeheizte gesellschaftliche Klima durch eine besonnene, den Menschen zugewandte, Arbeit abzukühlen und durch kluge Entscheidungen, Zuhören und klare Sprache die Spaltung einzudämmen. Aber die Politik kann und darf diese Aufgabe nicht allein bewältigen. Ein jeder von uns ist hier gefragt, sich aktiv einzubringen. Übernehmen wir Verantwortung – Verantwortung für uns, Verantwortung für den Mitmenschen und letztlich Verantwortung für die Gesellschaft.


Uwe Melzer
Landrat

André Neumann
Oberbürgermeister

Dr. Kristin Jahn
Superintendentin

Konrad Köst
Pfarrer

Moritz Allersmeier
Pastor

Sandro Vogler
Pfarrer


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