Ökumenischer Arbeitskreis und Stadt

08.05.2020


Erinnerung an das Kriegsende in Altenburg

Ursprünglich hatten sie eine gemeinsame Veranstaltung zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2020 geplant, hatten Gesprächsgäste und kulturelle Umrahmung angefragt. Doch die Corona-Pandemie hat den Vorbereitungen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch wollen der ökumenische Arbeitskreis und die Stadt Altenburg den besonderen Jahrestag nicht ohne Kommentar verstreichen lassen.

Als am 8. Mai 1945 um 23:01 alle Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in Europa nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht eingestellt wurden, war Altenburg bereits seit über drei Wochen in der Hand US-amerikanischer Truppen. Am 15. April 1945 hatten sie nach kurzem Artilleriebeschuss im Laufe des Vormittags die Stadt besetzt. Mit dem Einmarsch des 304. Infanterieregiments der 76. US-Infanteriedivision endete die nationalsozialistische Herrschaft in der Stadt.

Erst kurz zuvor, am 12. April 1945, war das Altenburger Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Gelände des heutigen Gewerbegebiets Poststraße geräumt und die verbliebenen KZ-Häftlinge – nach neuesten Erkenntnissen rund 2.400 Frauen und etwa 200 Männer – auf einen Todesmarsch geschickt worden. Ihr Weg führte von Altenburg über Gößnitz, Meerane und Remse nach Waldenburg, wo die Kolonnen geteilt wurden. Während ein Teil der Häftlinge in Waldenburg, Meerane oder Pfaffroda befreit wurde, trieb man den anderen Teil der Häftlinge in Richtung tschechische Grenze. So wurden manche der KZ-Häftlinge wohl erst auf tschechischem Boden befreit.

Das Altenburger Außenlager beim Rüstungsproduzenten HASAG war am 1. August 1944 in Betrieb genommen und nach kurzer Zuordnung zum Stammlager Ravensbrück Ende August 1944 Buchenwald zugeordnet worden. Das Lager fasste nach aktuellen Erkenntnissen jeweils zwischen rund 1.100 und etwa 2.600 Häftlingen, wobei der Anteil männlicher Häftlinge stets unter zehn Prozent lag. Die Häftlinge kamen aus den verschiedensten Ländern und Gruppen: Während fast 90 Prozent der etwa 230 Männer Juden waren, setzte sich die weitaus größere Anzahl weiblicher Häftlinge von über 3.500 Frauen aus rund 1.000 Jüdinnen, mindestens 1.000 Sinti und Roma, über 1.300 Polinnen, mindestens 150 sowjetischen Gefangenen und kleineren Gruppen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Jugoslawien, Norwegen, der Slowakei und Tschechien zusammen. 12 Häftlinge starben in Altenburg, weitere auf dem Todesmarsch oder nach der Verlegung kranker und arbeitsunfähiger Häftlinge in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Buchenwald, Ravensbrück, Bergen-Belsen oder Auschwitz.

Die Besetzung Altenburgs durch US-amerikanische Truppen war zugleich der Tag der Befreiung für Tausende ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Stadt und der Umgebung. Sie war Befreiung auch für die Einwohner – auch wenn viele von ihnen das damals nicht so sahen – und beendete die nationalsozialistische Terrorherrschaft, die auch in Altenburg selbst etliche Opfer forderte. Ob die unmenschliche „Polenaktion“ vom 28. Oktober 1938, die rund 50 jüdische Opfer des Altenburger Landes aus dem Lande und viel zu oft in den Tod trieb, ob die Pogromnacht wenige Tage später, die Deportationen Altenburger Juden in den Jahren 1942 und 1944, die vielfache Verfolgung von Andersdenkenden, die Ermordung von Altenburgerinnen und Altenburger in Konzentrationslagern oder die menschlichen und kulturellen Opfer der Kriegshandlungen: Neben der Abschaffung der demokratischen Republik, von grundlegenden Menschenrechten oder freiheitlichen Werten hat sich das NS-Regime in vielfältiger Weise geradezu unvorstellbarer Verbrechen schuldig gemacht.

Manche fragen sich vielleicht, warum wir im 75. Jahr nach dem Kriegsende überhaupt noch Opfern des Zweiten Weltkriegs gedenken. Ist das nicht viel zu lange her? Haben wir im Augenblick nicht ganz andere Probleme zu lösen? – Die Antwort ist so einfach wie deutlich: Natürlich ist es auch heute noch aktuell, an die schrecklichen Jahre des nationalsozialistischen Terrors zu erinnern. Eine jüdische Weisheit sagt: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Diesem Leitsatz folgend muss es auch gerade vor dem Hintergrund, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt und unsere Gegenwart die Menschheit auch vor viele neue Herausforderungen stellt, unser Ziel sein, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten.

Heutzutage sitzen rechte Demagogen wieder in Parlamenten und kommunalen Gremien, Aufmärsche und Kundgebungen von Rechtsextremen sind schon fast zur Gewohnheit geworden und auch politisch motivierte Gewalt tritt immer wieder offen zutage. Es gilt also – heute genauso wie damals – Aufklärungsarbeit zu leisten, an das Geschehene zu erinnern, geschichtliche Fakten aus Lehrbüchern durch Zeitzeugen greifbar zu machen, politische Bildung zu betreiben. Das ist nicht nur Aufgabe des Staates, es ist ein gesamtgesellschaftliches Ziel!

Wer körperliche oder psychische Gewalt ausübt oder akzeptiert, gefährdet das solidarische Zusammenleben. Wer Fremdenfeindlichkeit toleriert, toleriert auch die Verletzung unseres Grundgesetzes und damit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wer das Tragen oder Zeigen von NS-Symbolen und entsprechenden Modeartikeln als jugendlichen Übermut oder angesagten Kult abtut, verharmlost die geschichtlichen Ereignisse.
Wir müssen es schaffen, in unserer Heimatstadt ein Klima zu schaffen, in dem sich der Einzelne zugehörig und anerkannt fühlt. Dass dies zweifelsohne in Zeiten mannigfaltiger Probleme und sozialer sowie finanzieller Ängste mehr als schwierig scheint, ist klar. Unverzeihlich wäre das Schweigen über die vielfältigen Gräuel, die sich im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg über weite Teile der Erde erstreckt haben. Ein einfaches „Nie wieder!“ aber genügt auch nicht. Reden wir mit- und nicht übereinander, üben wir gegenseitigen Respekt und Toleranz. Nicht nur an Gedenk- und Jahrestagen – immer.



↑ nach oben

Weiteres Aktuelles...
Gedanken zur aktuellen Situation
Neue Allgemeinverfügung des Landkreises Altenburger Land
Informationen zum Winterdienst
🎄🎅Weihnachtsmann wartet auf Post!🎄🎅
Bibliothek: Viele neue Medien sind da
Sitztreppe für den Kleinen Festplatz geplant
Informationen für Eltern von Schulanfängern
Bewerbung für Landesgartenschau 2028
Einstimmiger Stadtratsbeschluss
Pop-Up-Store in der Klostergasse 1