Gemeinsame Erklärung zum Volkstrauertag

13.11.2020

Die Zeit heilt alle Wunden?

Es ist November – der stille, der traurige Monat. Im Kirchenjahr steht der November für das Gedenken und Besinnung. Und es ist daher nicht verwunderlich, dass neben den Gedenktagen für die ganz persönliche Trauer auch der Volkstrauertag als zentraler staatlicher Gedenktag zur Erinnerung an die Toten des Krieges, an die Opfer von Gewaltherrschaft, die Opfer von Krieg, Vertreibung, Not und Elend, sich in diesen Gedenkmonat einreiht.

In diesem Jahr steht der Volkstrauertag unter dem besonderen Einfluss des 75. Jahrestags der Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Es ist richtig, dass wir als Gesellschaft den Volkstrauertag nutzen, um den Millionen Gefallenen der zwei Weltkriege, den Opfern von Flucht, Terror und Vertreibung sowie der Gewaltherrschaft zu gedenken. Wir tun das vor allem, um die Namen, die hier und anderswo auf den zahllosen Tafeln, Gedenksteinen und Gräbern angeschlagen sind, nicht zu leeren Chiffren erstarren zu lassen. Wir wollen, dass diese Menschen in unseren Köpfen und vor allem unseren Herzen lebendig bleiben. Schließlich waren es Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn von uns oder unseren Angehörigen. Unser Mitgefühl gilt damals wie heute den Hinterbliebenen, denen mit dem Leben eines geliebten Menschen auch ein Stück ihres eigenen Lebens genommen wurde. Wir denken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors, der Bombennächte sowie der Flucht und Vertreibung.

Es sind stets ganz persönliche Erfahrungen oder die unserer Angehörigen, Nachbarn oder Freunde, die abstrakte historische Ereignisse in einen lokalen und manchmal sogar familiären Kontext setzen. So hat die Gedenkstunde zum Volkstrauertag auch etwas Verbindendes. Und sie erinnert uns auch, zuzuhören. Manchmal sagt man leichtfertig, die Zeit heile alle Wunden. Doch ist dem wirklich so? Kann man gerade so einschneidende Erfahrungen wie den Verlust eines geliebten Menschen oder das eigene Erleben existenzieller Ängste wirklich abschließend „heilen“? Bleibt nicht immer etwas im tiefsten Inneren bei uns verborgen? Und auch gesellschaftlich scheint die Redewendung nur bedingt zuzutreffen.

Wenn wir die aktuelle politische Situation auf der Welt betrachten, sind doch die wirklich tiefgreifenden Folgen der zwei weltumspannenden Kriege nach wie vor spürbar. Noch immer werden grundlegende Menschenrechte missachtet, Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft, politischen oder religiösen Ausrichtung verfolgt und auch Krieg, Flucht, Not und Elend finden wir noch viel zu häufig. Nicht immer heilt die Zeit also alle Wunden, manch einschneidende Wunde lässt sich nicht schließen.

Wir können die Situation so annehmen, wie sie ist, und es dabei bewenden lassen. Wir glauben aber, dass dies der falsche Weg ist. Wir sollten gerade nicht verschweigen und verdrängen, sondern die Erinnerung an das Geschehene nutzen, um dafür zu sorgen, dass im Kleinen unsere Welt ein Stückchen besser wird. Nur wenn wir aus den Fehlern der Geschichte und auch der Gegenwart lernen, werden wir diese Fehler morgen nicht wiederholen.

Der Volkstrauertag steht für die persönliche Trauer von Hinterbliebenen, er steht für die gemeinsame Trauer und er steht für die Erinnerung an fürchterliche Gräuel. Der Volkstrauertag bietet uns aber auch die Möglichkeit, die Geschichte aufzuarbeiten und aus ihr zu lernen. Es braucht die Berichte jener, die Verfolgung, Flucht oder Vertreibung am eigenen Leib gespürt haben. Dass jene uns ihre Geschichte und Geschichten erzählen, ist für uns ein persönliches und gesellschaftliches Rüstzeug. Denn es führt uns vor Augen, dass wir bei all den beschriebenen Erlebnissen nicht nur von globalen Ereignissen fernab unseres Mikrokosmos sprechen, sondern dass unter uns Menschen leben, die aus eigenem Erleben dazu etwas sagen können. Gerade für die nachkommende Generation sind solche Geschichten oder auch nur Teile davon, ein wirklicher Schatz, der unser politisches und persönliches Verhalten beeinflussen kann.

Die Toten, derer wir am Volkstrauertag gedenken, mahnen uns zur Einigkeit, zu Toleranz und Solidarität. Wir müssen eine starke Gruppe von Menschen bilden, die sich gegenseitig achten und unterstützen. Bei allen Meinungsverschiedenheiten und Konflikten müssen wir auf eine friedvolle Lösung bedacht sein, bei der keine bleibenden Schäden entstehen. Es ist unsere Aufgabe, den Dialog aufrecht zu erhalten und starres Blockdenken ablegen. Wir können die Gegenwart und Zukunft nur gemeinsam meistern und auch nur dann, wenn grundlegende menschliche Werte unser Denken und Handeln bestimmen.


Uwe Melzer
Landrat

André Neumann
Oberbürgermeister

Dr. Kristin Jahn
Superintendentin

Konrad Köst
Pfarrer

Moritz Allersmeier
Pastor

Sandro Vogler
Pfarrer



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